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Zuletzt aktualisiert: 26.08.2010 um 22:02 UhrKommentare

Paparazzi auf Vogelschau

Rekordtag im Greifvogelzug-Camp ober Arnoldstein: 1200 Wespenbussarde zogen am Donnerstag von Osteuropa über Kärnten nach Afrika. Bis Sonntag kann man das Schauspiel noch beobachten.

Campleiter Remo Probst von BirdLife (3. von rechts) erkennt mit freiem Auge, um welchen Bussard es sich handelt

Foto © FERTSCHEYCampleiter Remo Probst von BirdLife (3. von rechts) erkennt mit freiem Auge, um welchen Bussard es sich handelt

Sie sind keine Rabeneltern, überlassen ihre Kinder aber allein ihrem Schicksal, sobald sie flügge sind, und machen sich ohne sie auf die 50 Tage lange Reise in den Süden. Die Mütter verlassen die Brut sogar schon früher als die Väter, die sich noch vergewissern, dass die ersten Flugversuche der Jungen geglückt sind. Die 40 bis 45 Tage alten Jungen, die ihre Eltern meist nie wiedersehen, heben zwei Wochen nach den Eltern ihrem genetischen Programm folgend nach Afrika ab, wobei sie den direkten Weg über das Mittelmeer wählen, während die Eltern über Spanien und die Sahara nach Nigeria oder Benin fliegen, um dort zu überwintern und in den Savannenwäldern geflügelte Insekten zu verspeisen.

In unseren Breiten - auch in Kärnten - graben sie die Waben der Erdwespen aus dem Boden, schleppen sie zum Horst und ernähren sich und ihre Brut mit den proteinreichen Larven. Das ist das Schicksal der Wespenbussarde, die in diesen Tagen aus Osteuropa kommend über Kärnten nach Westafrika ziehen, insgesamt 5000 bis 7000. Im "4. Carinthian Raptor Migration Camp" (4. Kärntner Greifvogelzug Camp) bei Stossau ober Arnoldstein beobachtet die Vogelkunde-Gesellschaft BirdLife Kärnten noch bis Sonntag den Zug der Altvögel. Die Weibchen zogen am vergangenen Wochenende in 40er-Trupps - insgesamt 600 - gen Süden, sie nutzten die optimale Thermik bei Sonne.

Erwartungsvoll

Die Männchen folgen in diesen Tagen. Am Donnerstag verzeichnete Camp-Leiter Remo Probst einen Rekordtag mit 1200 Wespenbussarden. Im Freiluft-Camp mit Blick auf den Dobratsch - einem "Hot Spot" des Greifvogelzuges - und die "Tarviser Pforte", wo die durchbrochene Bergkette für die Greifvögel leicht passierbar ist, tummeln sich erwartungsvolle Vogelfreunde mit Fernglas und Fotoapparat. "Einmal fünf, Flughöhe 300 Meter, elf Uhr", berichtet Naturfotograf Jochen Bartas und notiert alles genau. Um 12.06 Uhr sichtet und notiert er acht Wespenbussarde und meldet, dass die Mäusebussarde abgezogen seien. "Hans, da ziehen wieder zwei", ruft Pensionistin Käthe Schroll, bevor Aufregung eintritt, weil BirdLife-Urgestein Helmut Kräuter einen Schwarzen Milan mit gegabeltem Schwanz entdeckt hat. Geduldig klärt er die greifvogelunkundige Journalistin auf, dass sie einen Alpensegler gesichtet hat und nicht einen Wespenbussard.

Der Alpensegler, eine "Spezialität des Dobratsch", sei kein Greifvogel und ziehe erst im September, präzisiert Spezialist Probst, der anhand von Federkleid und Bandmuster die Geschlechter und Alte von Jungen unterscheiden kann und mit freiem Auge am Flügelschlag erkennt, ob es sich um Mäuse- und Wespenbussard handelt. 150 bis 200 Wespenbussarde brüten in Kärnten. "Es dauert lange, bis sie Beute finden, die Nachwuchsrate ist mit ein bis zwei Jungen gering, aber sie leben bis zu 15 Jahre lang, immer am Limit", erklärt Probst. Das Revier eines territorialen Männchens ist bis zu 25 Quadratkilometer groß, es findet es durch seine Suchbilder im Kopf, steckt es durch den Schmetterlingsflug ab, indem es die Flügel hoch über dem Kopf zusammenschlägt.

Kleine Männchen

Nach der Rückkehr aus Afrika kehrt es in sein Revier zurück und paart sich meist wieder mit dem gleichen Weibchen. "Greifvögel haben einen umgekehrten Sexualdimorphismus, die Männchen sind kleiner als die Weibchen, wohl um agiler zu sein bei der Nahrungsbeschaffung. Man muss die Jungen konstant füttern. Dass so ein Vogel ausfliegt, ist ein halbes Wunder", zeigt Probst seinen Respekt für die geschützten Vögel, deren Lebensraum immer kleiner wird. "Seit 1950 hat Kärnten 30 Vogelarten verloren", bedauert Fledermausspezialistin Stefanie Wohlfahrt, die als Natur- und Landschaftsführerin im Camp eine ornithologische Zusatzausbildung absolviert. Neue Erkenntnisse über Aufenthaltsort und Leben der Wespenbussarde erwartet man sich durch die "Besenderung", wodurch heuer erstmals zwei Jungvögel in Kärnten mit einem Sender, der mit sechs Satelliten verbunden ist, ausgestattet wurden. Diese Jungvögel werden erst in ihrem dritten Jahr nach Europa zurückkehren. Vielleicht gibt es dann ein Wiedersehen mit ihnen.

ELKE FERTSCHEY

Das Vogel-Schau-Camp

Anreise. Im Ort Arnoldstein (Autobahn A2) nach dem Gasthof Wankerhof links abbiegen und der Beschilderung nach Stossau bis zum Camp folgen.

Öffnungszeit: täglich 9 Uhr bis 17 Uhr.

Letzter Tag: Sonntag, 29. August.

Details: Remo Probst, Tel. (0680) 20 56 507.

Tausende Greifvogel-Arten ziehen jährlich über den Dobratsch von und nach Afrika, von Februar bis Mai und von August bis November.

Dominierende Arten sind Wespenbussard, Mäusebussard, Sperber, Rohrweihe und Turmfalke. Es gibt Aktiv- und Passivzieher (Nutzung von Thermik und Aufwind).

Greifvögel sind überwiegend Tagzieher.

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