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Zuletzt aktualisiert: 21.10.2008 um 14:13 UhrKommentare

Herbst im Ausseerland

Was ein melancholischer Herrgott und der selige Heimatfilmer Franz Antel gemeinsam haben.

Der Hausberg der Ausseer, der Loser, im Herbstkleid

Foto © Gudrun Rodlauer / Kleine Zeitung DIGITALDer Hausberg der Ausseer, der Loser, im Herbstkleid

Hier, genau hier, auf der Seewiese am Altaussee, müsste jetzt ein fesches Madl, das frisch und unschuldig wie Äpfel ausschaut, dem glutäugigen Buam nach einer langen Reihe von Schicksalsschlägen mit einem tiefen Seufzer in die Arme fallen. "Ach, Ferdl", würde das Madl, vorzugsweise von Waltraud Haas gespielt, hauchen. "Jetzt kann uns nichts mehr trennen." Und der Ferdl, vorzugsweise gespielt von Wolf Albach-Retty, würde seine Flinte ablegen (er ist Förster), dem Madl tief in die Augen schauen und mit fester Stimme sagen: "Anni, meine Anni, der Wilderer ist tot, und unsere Liebe, die wird ewig leben." Kumm, Antel, kumm, steig hinunter vom Szegedinger-Himmel, möchte man am liebsten jauchzen. Ein Drehbuch brauchst nicht, Franz, hast nie gebraucht. Und die Kulisse, die ist da. Prächtiger denn je, bunter denn je, kitschig wie ein Heimatfilm. Von dir. Es ist zum Weinen schön. Herbst im Ausseerland, Antel. Kumm, schau und dreh!

Schnitt. Wenn der Herrgott fideler Laune ist, ihn aber eine kleine Melancholie kitzelt, dann hat er Tage wie diese erfunden: Lautlos gleitet eine Plätte über den Altausseersee, auf dessen ruhiger Oberfläche sich die Trisselwand spiegelt. Die Wälder ringsum tragen ihr Festtagsgewand und erstrahlen in satten Brauntönen. Das unendlich weite Dach über dem Idyll hat einen himmelblauen Anstrich. Und wenn man ganz genau hinhört und den Atem anhält, hört man, wie vereinzelt Blätter auf dem Wasser landen. Pssssst! Es fällt so gar nicht schwer, den Atem anzuhalten, wenn sie Landschaft wird, die kleine Melancholie des Herrgotts.

Ruppig, aber taktvoll. Die Menschen hier, ja, die sind etwas anderes. Ruppig, aber taktvoll. Eigensinnig, aber tolerant. Genies und Narren aus der ganzen Welt haben sich in diesem Universum schon wohlgefühlt. "Es kann sogar passieren, dass ein Ausseer berühmt wird, solchermaßen den Heimatboden unter den Füßen verliert, als Gast zurückkommt und um seine neuerliche Einbürgerung kämpfen muss", schrieb der Bad Ausseer Alfred Komarek, der weiß, wovon er da spricht. Geographisch genau in der Mitte Österreichs gelegen ist das Ausseerland dennoch eine Auster. Wer ans Ziel gelangen will, muss sich erst einmal anstrengen. Auch heute noch. Doch wer ankommt, wird dafür reichlich belohnt. Nicht mit ausgelassenen Umarmungen, Bussi Bussis und anderen Anbiederungen, dafür sind die Einheimischen - zum Glück - viel zu stolz und störrisch. Aber wer eine Nachhilfe in Sachen edler Gelassenheit und niveauvoller Distanz in Anspruch nehmen möchte, wird hier seine Lehrmeister finden.

Wie das Salz. Vielleicht ist es wie mit dem Salz, der uralten Lebensader dieser Gegend. Eine Prise verfeinert jedes Gericht, zuviel davon macht es ungenießbar. Und wer in die Ausseer Salzwelten abtaucht - die neuerdings multimedial äußerst reizvoll aufbereitet sind - merkt sehr schnell, dass die Vergangenheit auf nach langen Jahren noch schmerzen kann wie Salz in einer Wunde. Anfang Mai 1945, nur wenige Tage vor Kriegsende, haben beherzte Bergleute Kunstschätze von unvorstellbarem Wert aus den Stollen gerettet, die von den Nazis - zuvor geraubt - zerstört werden sollten. Bedankt hat man es den Männern nicht - bis heute nicht.

Zurück zur Gegenwart. Schwärmerisch wie einst Nikolaus Lenau - dem man hier auch ein kleines Denkmal errichtet hat - möchte man eintauchen in diese Natur, die sich in diesen Tagen in all ihrer verführerischen Pracht zeigt; ganz so wie eine schöne Frau, die zum letzten Mal in dieser Saison ein rauschendes Fest besucht und bis in den Morgen hineintanzt. Ein Hauch von Hauch von Trauer und Wehmut liegt in der würzigen Luft, von Vergänglichkeit und Endlichkeit. Stoisch schaut der Loser auf die Menschen herab, der Dachstein auf der anderen Seite mit seinem blütenweißen Gletschertuch gibt eine Ahnung davon, wie unbedeutend wir sind. Abschied ist immer auch ein kleiner Tod. Am nächsten Morgen ist das Land in dicke Nebeltücher gehüllt. Was dahinter liegt, kann man nur erahnen. Oder, besser noch, erfinden. Es ist, als ob die Natur sagen wollte: Einmal noch habe ich Euch gezeigt, dass es nichts Erhabeneres auf Erden gibt als mich. Verweilet doch, ich bin so schön, aber jetzt müde vomganzen Trubel. Deshalb werde ich mich zurückziehen, adieu ihr Lieben. Anni und Ferdl stehen indessen noch immer auf der Seewiese. Wie von Zauberhand bewegt, deuten beide gleichzeitig in eine Richtung und sagen: "Dort, genau dort, werden wir unser kleines Holzhaus bauen, Linden pflanzen und die Kinder großziehen." Schnitt. Und Ende.

BERND MELICHAR

Lindnerhotel Bad Aussee

Die Lage und der Blick sind atemberaubend! Hinten der Dachsteingletscher, vorne der Loser und ein Golfplatz mit saftigem Grün. "Die Wasnerin" – altehrwürdige "Grande Dame" des Ausseerlandes – wurde im Dezember des Vorjahres durch die deutsche Lindner- Gruppe übernommen und in ein stimmiges, qualitativ hochwertiges Hotel & Spa- Resort umgebaut. Wobei das Kunststück gelang, Tradition mit Modernität in Einklang zu bringen.

Foto

Foto © Gudrun Rodlauer

Bild vergrößernDie TrisselwandFoto © Gudrun Rodlauer

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Foto © Gudrun Rodlauer

Bild vergrößernBlick auf den Dachstein von der "Seewiese" ausFoto © Gudrun Rodlauer

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